Weltwärtsreisende Julia Stutz berichtet aus Uganda

Ich hätte einfach nur mitweinen wollen ...

Zwei Kinder sitzen vor einer bemalten Wand
© CBM
"Was meine Arbeit bei OURS angeht, habe ich mich in den letzten Wochen sehr vielfältig einbringen können. So habe ich mit meinem Kollegen eine Analyse aller behinderten Kinder in der Primary School durchgeführt, um eventuell Hilfsmittel anzupassen oder einen Therapieplan aufzustellen. Ich habe nun auch regelmäßige Klienten, die ich alleine behandeln kann, da viele gut Englisch verstehen. Darunter sind ein paar bemerkenswerte Kinder, die ich sehr bewundere. Zum Beispiel Shakira, ein Kind mit Athetose, das heißt, ihre Gliedmaßen bewegen sich auf dem Weg vom Ausgangspunkt bis zum Ziel unkontrolliert schraubenförmig. Somit hat sie natürlich größte Schwierigkeiten bei feinmotorischen Aktivitäten und hat deshalb mit dem Mund schreiben gelernt!
Zur visuellen Stimulation ein Mosaik aus Spiegeln und Glasperlen
Da wir viele schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder bei OURS sehen, habe ich eine "Stimulationsecke" hergestellt. Es sollen dabei die verschiedenen Sinne angesprochen werden. Für visuelle Stimulation habe ich aus vielen verschieden Materialen ein Mobilé gebastelt oder ein Mosaik aus Spiegeln und bunten Glasscherben. Für den Tastsinn gestaltete ich eine Fühlwand mit verschiedenen Strukturen. Außerdem versuche ich gerade, meine Zeichenkünste ein bisschen zu reaktivieren, um einfache Handzettel für Eltern zu gestalten, damit sie die Übungen für zu Hause nicht vergessen oder Ideen bekommen, wie sie den Alltag mit ihren Kindern daheim gestalten können.
Joel (3) erlitt einen Schlaganfall
So sehr man sich auch daran gewöhnen kann, täglich Menschen mit schweren Schicksalen zu betreuen, gibt es immer wieder Fälle, die einen mehr mitnehmen. So hatten wir ein Kind mit dreieinhalb Jahren bei OURS, das einen Schlaganfall erlitten hatte und danach mehrere Tage im Koma lag. Der kleine Joel leidet unter der genetischen Erkrankung der Sichelzellanämie, bei der sich die roten Blutkörperchen sichelförmig verändern und es daher eher zum Verschluss von Blutgefäßen kommt. Er zeigte das Bild eines Wachkoma-Patienten, hatte heftigste spastische Attacken, die jeweils auch schreckliche Schreikrämpfe auslösten, die einem durch Mark und Bein gingen, und es schien, als ob es keinen Weg gab, zu ihm durchzudringen.
Behinderung wird oft als Fluch betrachtet
Noch schlimmer war es aber, die Mutter leiden zu sehen. Es ist schon eine Herausforderung, wenn man ein behindertes Kind zur Welt bringt. Teilweise denken die Menschen, Behinderung sei ein Fluch oder dass das Kind von Dämonen besessen ist. Väter machen die Mutter dafür verantwortlich und laufen weg. Noch schlimmer als ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen, muss es für eine Mutter sein, wenn sie ihr Kind bis vor ein paar Wochen noch fröhlich singend und hüpfend auf der Straße spielen sah und mit einem Schlag liegt es in diesem Zustand vor ihr. Es gibt nichts, was sie tun kann, um ihm zu helfen, um zu verstehen, was in ihm vorgeht und es gibt keinen Weg ihm zu zeigen, wie sehr sie es liebt!
Ich hätte mitweinen wollen ...
Therapeutisch gesehen hat der Kleine echt Fortschritte gemacht, sprach auf Stimulationspunkte an und wir konnten ihn zum Zeitpunkt seiner Entlassung sogar in einen Special Chair setzen, was am Anfang nicht möglich gewesen wäre, so steif war er. Aus Sicht einer Mutter hätte ich jedes Mal einfach nur mit ihr weinen wollen. Denn ihre Situation ist aussichtslos. Sie ist Mutter dreier Kinder, berufstätige Lehrerin – hier gibt es keine Tagespflege, kein Pflegeheim oder ambulanten Krankendienst, kein Pflegebett mit Hilfsmittelvorrichtung – nichts! Und sie selbst muss möglichst bald wieder arbeiten gehen, um die Schulgebühren ihrer anderen Kinder bezahlen zu können. Der Zustand von Joel wäre wohl derselbe in Deutschland, aber die Möglichkeiten, mit einem behinderten Kind zu leben so viel einfacher!
Osterreise nach Ruanda in der Genozid-Memorial-Woche
Ostern habe ich mit Peter Borchert und Kordelia Fischer-Borchert bei einem jungen Augenarzt in Ruanda verbracht. Das Land der tausend Hügel, ein Land im Aufschwung, ein Land, das der Welt beweisen will, dass Afrika auch geregelt sein kann, aber vor allem auch ein Land mit Geschichte – und zwar nicht der Allererfreulichsten.
Was wir bis dahin nicht wussten war, dass die Osterwoche zugleich die Memorial-Woche des Genozids von 1994 ist. Somit war das ganze Land in Trauer, die Fahnen hingen auf Halbmast, Musik war verboten. Der Unterschied zu sonstigen Jahrestagen war, dass die Menschen wirklich betroffen waren, denn im wahrsten Sinne des Wortes waren die meisten Betroffene. Und somit setzt man sich selbst auch ganz anders damit auseinander, wenn man zum Beispiel am Hotel Mille Collines vorbeifährt, das durch den Film "Hotel Ruanda" bekannt geworden ist.
Fast alle Familien beklagen Opfer
Was uns vielleicht aus Geschichtsbüchern gelehrt wird, ist hier eine lebendige Erinnerung. Denn es gibt kaum eine Familie, in der nicht etwa Verwandte dem Massenmord zum Opfer fielen oder aber selbst Täter waren. Der Genozid ereignete sich im Kontext eines langjährigen Konflikts zwischen Tutsi und Hutu. Innerhalb von 100 Tagen wurden 800.000 bis eine Million Menschen ermordet, 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Bevölkerung starb. Es gibt keinen Kriegsschauplatz, denn das ganze Land war im Krieg. Selbst Kirchen wurden gestürmt, Flüsse waren übersät mit Leichen, das ganze Land im Blutbad.
Tot im lebenden Körper
Eine Überlebende, kaum älter als ich, berichtet von ihren Eindrücken: Sie läuft über die Straßen, der Krieg ist vorbei. Sie hat überlebt. Aber was bedeutet das? Was ist ein Leben wert, in dem ihr alles genommen wurde? Ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Würde, ihr Vertrauen in die Menschen, ihre Hoffnung... So geht sie weiter die Straße entlang, ohne Ziel. Die Straße, die gepflastert ist mit Toten, tot – wie sie selbst. Sie ist tot im Körper einer Überlebenden. Sie selbst war noch ein Kind. Und gehörte vielleicht auch zu den rund 60.000 minderjährigen Mädchen, die völlig sich selbst überlassen blieben. Vielleicht gehörte sie auch zu den vielen Vergewaltigungsopfern, die mit HIV infiziert wurden. Allein für Kigali wird der Anteil der HIV-infizierten schwangeren Frauen auf 30 Prozent geschätzt.
Unbegreiflicher Völkermord
Heute leben die beiden Stämme immer noch nebeneinander, vereint in einem Land, sprechen dieselbe Sprache, teilen dieselbe Kultur – wie zuvor. Was das Geschehene nur noch unbegreiflicher macht und zugleich die Frage nach dem inneren Frieden bezweifeln lässt."

Julia Stutz
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